Militärische Schachzüge im Südkaukasus – Türkei bindet Georgien und Aserbaidschan gegen Armenien und Russland ein

Türkische Armee

Mit dem Ausbruch der Ukraine-Krise und türkischen Machtansprüchen im Südkaukasus droht die traditionelle Vormachtstellung Russlands in der Region ins Wanken zu geraten. Gemeinsame Militärübungen mit Georgien und Aserbaidschan sollen nicht nur Armenien isolieren und die russische Militärpräsenz in Georgien herausfordern, sondern auch Pipelines und andere strategisch wichtige Projekte schützen. Die erhöhte Präsenz der Türkei könnte zu wachsenden Spannungen im Südkaukasus führen. Via Eurasia News

In den vergangenen sechs Wochen beobachteten Militäranalysten eine bisher noch nie dagewesene militärische Dynamik im Südkaukasus, ausgehend von der Türkei. Vom 31. Mai bis zum 10. Juni führten türkische, georgische und aserbaidschanische Militäreinheiten in der Osttürkei unter dem Namen „Kaukasischer Adler” umfassende Militärübungen durch. Einige Tage zuvor, am 25. Mai, hat Baku taktische Militärübungen mit der Türkei in Aserbaidschan abgehalten. Diese Übungen sind nur einige wenige von jenen zahlreichen, die in diesem Jahr abgehalten wurden. Die stellt eine neue Kontinuität dar, die die drei Staaten aus dem letzten Jahr ins Jahr 2015 mitnahmen.

Die Gründe für die reichhaltige militärische Ertüchtigung sind auf zwei Punkte zurückzuführen: A) die Ukraine-Krise und B) wachsende Ambitionen der Türkei, an ihren östlichen und nordöstlichen Grenzen eine größere geopolitische Rolle zu spielen.

Moskau wiederum wird die Situation vor seinen Grenzen genau beobachten und seinerseits militärische Aktivitäten in der Region erhöhen. Während die Türkei also darauf bedacht ist, über Georgien vor allem ihr „Brudervolk“ und ihren wichtigen Energielieferanten Aserbaidschan zu stärken, wird Russland seinem traditionellen Partner Armenien militärisch beistehen. Zur gleichen Zeit bedeutet es aber nicht, dass Aserbaidschan bei verstärkter Blockbildung auf seinen größten Waffenlieferanten Russland verzichten wird. Baku wird auch in Zukunft Kriegsgerät und Technologie in Moskau einkaufen.

Auch wenn Militärbeziehungen zwischen den Turkvölkern Aserbaidschan und Türkei bis ins Jahr 1992 zurückdatieren, als sie vor allem im Ausbildungsbereich zu kooperieren begannen, gingen die Zusammenarbeit erst in den letzten Jahren über das bloße Trainieren und Assistieren beim aserbaidschanischen Grenzschutz hinaus. Im Jahr 2010 haben Aserbaidschan und die Türkei eine offizielle strategische Partnerschaft begründet, die unter anderem einen militärischen Beistandspakt umfasst, sobald eines der Länder in einen ernsten militärischen Konflikt involviert wird. Konkrete Anwendung würde dieser im Falle eines erneuten Ausbruchs des Krieges um die von Armenien okkupierte Region Bergkarabach finden. Seitdem erhöhte die Türkei aber auch ihre Militärlieferungen nach Aserbaidschan. Gemeinsam begann man mit der Herstellung von Artilleriegeräten. Einen weiteren Wandel im Niveau des Einflusses Ankaras auf den Südkaukasus bemerkten Militäranalysten, als sich erstmals im Jahr 2012 georgische Truppen im großen Stil begannen, türkisch-aserbaidschanischen Kriegsspielen anzuschließen. Um diese Entwicklung auch für die Zukunft zu zementieren, unterzeichneten die Verteidigungsminister der drei Länder im Jahr 2014 Abkommen, die regelten, dass künftig zwei Mal im Jahr trilaterale Treffen und noch mehr Militärübungen abgehalten werden.

Armeniens Angst vor der Einkreisung

Für Armenien, das aktuell ernsthafte wirtschaftliche Unwägbarkeiten, verbunden mit einer Periode politischer Instabilität durchlebt, stellen Militärübungen seiner drei Nachbarstaaten ein geopolitisches Problem dar. Türkei, Georgien und Aserbaidschan tangieren ein Großteil der Grenzen Armeniens. Von der Türkei und Aserbaidschan eingeklammert, die aus historischen und politischen Gründen Jerewan gegenüber nicht unbedingt wohlgesonnen sind, sind Armeniens operationelle Möglichkeiten auf die Grenzen von Georgien und Iran beschränkt. Die neue Welle militärischer Übungen korrespondiert mit dem Wandel der militärischen Balance zwischen Armenien und Aserbaidschan. Immer wieder ausbrechende kleine Scharmützel an der Front zwischen den Konfliktparteien führten immer wieder zu erheblichen Verlusten auf armenischer Seite. Auch wenn dies zu hinterfragen ist, erklärte der aserbaidschanische Präsident İlham Alijew, dass aserbaidschanische Truppen die „Überlegenheit“ über armenische gewonnen hätten.

Erst im Mai war die westliche Enklave Nachitschewan, die an der südwestlichen Grenze Armeniens liegt, Gastgeberland einer gemeinsamen taktischen Übung zwischen türkischen und aserbaidschanischen Militäreinheiten. Für Armenien schafft diese Entwicklung die Gefahr eines Zweifrontenangriffs durch Aserbaidschan. Im Fall der Fälle, sollte es zu einem umfassenden Konflikt ausarten, in den womöglich sogar Russland involviert wäre, würde die Türkei intervenieren.

Weit brisanter scheint aber das neuerliche Engagement Georgiens bei den Militärübungen der Türkei und Georgiens. Für Armenien repräsentiert georgisches Territorium das einzige Tor nach Russland, das es nach seinem Beitritt zur von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion unbedingt behalten will. Für Baku kreiert die Bindung an Ankara jedoch einen militärischen Gürtel, untermauert durch zahlreiche Militärabkommen.

Der Zusammenprall von russischen und türkischen Interessen im Kaukasus

Im April veröffentlichte Russland Pläne, Militärbasen in Armenien, Abchasien, Südossetien und Kirgistan auszubauen. Darüber hinaus bewilligte Moskau der Regierung in Jerewan eine Militärhilfe in Höhe von 200 Millionen US-Dollar – fast der Hälfte der jährlichen Militärausgaben des Landes. Auch könnten schon bald erste Boden-Boden-Raketensysteme vom Typ Iskandar auf armenischen Boden stationiert werden. Armeniens Angst vor der Türkei und Aserbaidschan treibt Jerewan in die Arme Moskaus.

Medienberichten und Aussagen des türkischen, georgischen und armenischen Verteidigungsministeriums zufolge dienen die Militärübungen neben der Grenzsicherung und der Verbesserung der Interoperabilität auch dem Schutz der strategisch wichtigen und zugleich besonders angreifbaren Pipelinestrecken, die Aserbaidschan über Georgien mit der Türkei verbinden. Ankara fürchtet aber auch die russische Militärpräsenz im armenischen Gyumri und den abtrünnigen Republiken Georgiens. Rund 11.800 russische Truppen sind im Südkaukasus stationiert.

Auch die sogenannte neue „eiserne Seidenstraße“, die Eisenbahnstrecke Baku-Tiflis-Achalkalaki-Kars, die schon bald jährlich 6,5 Millionen Tonnen Güter von A nach B nach transportieren wird, liegt im Augenmerk türkischer Sicherheitsbeamter. Sie fürchten, dass bei einem Krieg die Pipelines aus Aserbaidschan und die Eisenbahnstrecke sabotiert würden, was zum wirtschaftlichen Stillstand und zu Schäden in Milliardenhöhe führen dürfte.

Um das russische Gewicht im Südkaukasus auch weiter im eigenen Sinne auszubalancieren, wird die Türkei auch in Zukunft seine militärische Partnerschaft mit Aserbaidschan und Georgien ausbauen. Ankara wird zudem überlegen, Georgien und Aserbaidschan einen größeren Zugang zur türkischen Rüstungsindustrie zu gewähren.

Quelle: Contra Magazin

Ein Gedanke zu “Militärische Schachzüge im Südkaukasus – Türkei bindet Georgien und Aserbaidschan gegen Armenien und Russland ein

  1. Meh. Armenien ist natürlich in Gefahr, aber die können so viel Panzer fahren wie sie wollen. Armenien hat gezeigt, dass sie militärisch durchaus nicht zu unterschätzen sind. Vor allem da sie große Gebiete Azerbaidschans erobert haben. Sind zwar in der Weltkarte noch denen zugehörig, aber stehen unter armenischer Kontrolle.
    Sollte es wirklich zum Ernstfall kommen, denke ich nicht, dass langfristig dieses Dreieck bestehen kann. Zumal Armenien das einzige christliche Land im Nahenosten ist. Die in Frankreich lebenden Armenier haben ebenfalls einen sehr großen Einfluss auf Frankreichs Politik, man siehe die regelmäßigen Anfeindungen mit der Türkei.
    Ich sehe das ganze dort eher als Geplänkel, das man nicht zu ernst nehmen sollte.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s